Oamaru

Ich frühstücke nochmal im Hotel, diesmal gleich um halb sieben, da ist noch nicht so viel los. Ich habe gestern ein Pickup-Taxi für heute früh 7.15 Uhr bestellt. Um kurz vor sieben kommt eine automatische SMS vom Taxibetreiber dass mein Taxi schon in der Nähe sei, und wenn es keinen spezifischen Termin gibt soll ich doch schonmal zur Straße gehen. Nun habe ich ja mit 7.15 Uhr einen spezifischen Termin, also lasse ich mir noch zwei Minuten Zeit, was sich als Fehler herausstellt. Denn als ich zwei Minuten später an der Straße stehe ist kein Taxi dieses Betreibers zu sehen, und es taucht auch nicht mehr auf. Um 20 nach 7  will ich grade wieder rein ins Hotel um die Rezeption zu bitten mir ein Taxi zu organisieren, als der Taxifahrer eines anderen Unternehmens, der seinerseits schon über eine Viertelstunde vergeblich auf seine Fahrgäste wartet, mir anbietet mich zur IC-Haltestelle zu fahren. Dort angekommen stellen wir fest, dass ich nur einen 50-Dollar-Schein habe und er kein Wechselgeld. Egal, meint er, ich soll ihm halt geben was ich an Münzen habe. Ich komme auf 3.70 NZ$ Kleingeld, auf der Taxiuhr steht eigentlich 6.80 NZ$. Ist nicht schlimm, sagt er, hebt mir meinen Koffer aus dem Kofferraum und verabschiedet sich freundlich.

Die Fahrt verläuft relativ glatt, die ersten anderthalb Stunden verschlafe ich mehr oder weniger. Gegen 10 Uhr werde ich richtig wach und nehme erstmals den blauen Himmel über uns wahr, wird ein schöner Tag heute. Etwas später fällt mir auf dass der Bus anfängt zu schlingern. Draußen biegen sich die Bäume, und der Bus wird von Seitenwinden gebeutelt. „That can’t have been much fun driving,“ sagt eine ältere Dame beim aussteigen mitleidig zu dem Fahrer, und der schüttelt den Kopf: „No Ma’am“.

Wir erreichen Oamaru gegen halb 12. Der Unterschied zu Christchurch könnte nicht größer sein. Überall sind Gebäudefronten aus der Zeit um 1900 zu sehen.

Mein Hotel ist Baujahr 1880/81 und zeigt außen stolz Kolonialstil. Innen sieht’s nicht mehr ganz so prächtig aus, die Rezeption und die Korridore wirken überaltert und abgeblättert. Aber mein Zimmer ist eine komfortable Junior-Suite, Zimmer und Bad haben Tanzsaal-Ausmaße und Blick aufs Meer, gut in Schuss und modern eingerichtet.

Als erstes mache ich mich zu den Public Gardens auf. Einer meiner Reiseführer hatte sie sehr gelobt, was für mich der Hauptgrund war überhaupt in Oamaru Station zu machen. Das Beispiel Christchurch Botanic Gardens hat zwar gezeigt, dass die botanischen Geschmäcker auseinander gehen können, aber bei Oamaru kann ich dem Reiseführer nur enthusiastisch zustimmen. Das ist ein Garten!

Er ist nur wenig jünger als die Botanical Gardens in Christchurch, aber die Gartenarchitekten hatten ein ganz anderes Gelände zur Verfügung als die armen Leute in Christchurch, die nichts hatten als plattes Land. In Oamaru befinden sich die Public Gardens auf einem unebenen Gelände mit natürlichem Wasserlauf, und die Gartenarchitekten haben das Ganze wirklich sehr geschickt angelegt. Nichts ist zu sehen von viereckigen Beeten mit geometrischer Bepflanzung. Hier wurde ein Landschaftsgarten geschaffen, der sich das Gelände zunutze machte. Verschlungene Pfade in üppiger Vegetation,

die sich zwischendurch immer mal wieder treffen und überschneiden. Nicht einheitlich asphaltiert oder alles nur mit Kies bestreut, sondern von allem etwas: Eine relativ gerade Asphaltachse, daneben gibt es Kieswege, Wege aus Natursteinen, mit Rindenmulch bestreut oder einfach nur ausgetretene Lehmpfade. Ebenso ist die Abtrennung von Beeten und Teichen ganz unterschiedlich: mal Holz, mal Stein, mal Natursteinmauer, oder eben völlig ohne Abgrenzung. Unterschiedlich große Rasenflächen liegen zwischendrin herum, teils mit sehr altem Baumbestand und den verschiedensten Arten von Bänken. Nirgends gepflegte Langeweile, nirgends Billigplastik, hinter jeder nicht einsehbaren Ecke wartet etwas Neues, und wenn man nur 3 Schritte vom Pfad abweicht steht man schon höher oder tiefer und hat plötzlich ganz andere Perspektiven. Und ganz unvermutet steht hier plötzlich mal eine Sonnenuhr

oder dort eine asiatische Brücke.

Man könnte in einem fort nur um sich schauen. (Und fotografieren.)

Und wie bei einem guten Buch, so komme ich auch hier nur mit Bedauern zum Schluss. Alleine dafür hat sich der eine Tag in Oamaru schon gelohnt.

Das ist aber noch nicht alles, was diese Kleinstadt zu bieten hat. Es gibt noch das sogenannte Victorian Precinct, das Viktorianische Viertel. Als diese Gebäude langsam unmodern wurden und andernorts einfach abgerissen wurden, war Oamaru ziemlich pleite und hatte kein Geld für Abrissarbeiten. Zum Glück, denn die Gebäude kamen zwar ziemlich herunter, waren aber nicht rettungslos verloren als man sich schließlich auf sein Erbe besann. Andere Städte hatten zu dem Zeitpunkt schon sehr viel Bausubstanz aus dieser Zeit verloren, aber hier steht noch erstaunlich viel. Und weil die Gebäude so heruntergekommen waren konnte man dort billig ein Ladengeschäft, eine Werkstatt oder ein Atelier mieten, und so ist eine quirlige Kunst-/Handwerkerszene dort eingezogen.

Und am Rande dieses Victorian Precinct steht das SPHQ.

Das Steampunk Headquarter. „The future as it used to be.“ Das SPHQ ist ein Projekt in Dauerentwicklung. Für preiswerte 10 NZ$ kann man sich im Inneren und draußen im yard umschauen und sich wahlweise gruseln oder wundern.

Ich hätte fast völlig vergessen, dass Oamaru ja ein Küstenstädtchen ist, also gehe ich hinter dem Victorian Precinct mal runter ans Wasser. Hier gibt es einen Kinderspielplatz, der eindeutig von den SPHQ-Leuten mitgestaltet wurde.

Es gibt keinen Sandstrand, aber ein nett gestaltetes Ufer.

So langsam fängt der Magen an zu knurren – klar, außer Frühstück und mehreren Flaschen Fruchtsaft hat er heute noch nicht viel bekommen. Ich suche mir einen Edelitaliener aus und bekomme Ricotta-Walnuss-Ravioli mit beef ragout und Parmesan, sehr lecker und absolut ausreichend, obwohl laut Speisekarte nur als Vorspeise gedacht.

Ich werde jetzt endlich die Füße hochlegen (erst in der Badewanne, dann im Bett) und hoffen, dass es morgen mit dem Pickup mal klappt. Der bringt mich dann nicht zum Bus, sondern gleich weiter auf die Burg.

 

 

 

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