Ein Regentag

Nach eher nicht so guter Nacht gehe ich morgens kurz vor 8 in aller Unschuld runter zum Frühstück – und bekomme nur mit viel Glück einen Platz. Der Frühstücksraum ist für ein auf 11 Stockwerke verteiltes Hotel überraschend klein, sehr eng und jetzt gerade auch sehr wuselig. Ich bleibe nur kurz und gehe dann im Nieselregen zufuß zum Canterbury Museum, wo um 9 der erste Shuttlebus nach „Antarctica“ fährt, einer Mischung zwischen Museum und Vergnügungspark in der Nähe des Flughafens, in dem Gebäudekomplex wo auch die echten Antarktisexpeditionen organisiert werden. Gleich nebenan stehen einige riesige Frachtflugzeuge wie der Globemaster III, die im neuseeländischen Sommer bis zu 3 mal die Woche in die Antarktis fliegen um Wissenschaftler und auch Touristen (und tonnenweise Fracht) hinzubringen und wieder abzuholen.

Es gibt einen Vierjahreszeiten-Raum mit aus Pappmaschee nachgebauter Antarktis, in dem innerhalb von ein paar Minuten die Jahreszeiten der Arktis erklärt und ausgeleuchtet werden, dazu werden Ausschnitte aus Scotts Tagebuch und aus dem Tagebuch eines modernen Arktisforschers gelesen.

Scotts Schicksal wird übrigens als bekannt vorausgesetzt, zu meiner Überraschung findet sich nirgends eine ausführliche Dokumentation oder Zusammenfassung. Es gibt eine Tafel, auf der in drei Sätzen kurz angerissen wird was passiert ist, aber das war es auch schon.

Danach muss ich gleich wieder raus vor die Tür, denn ich bin für die 10-Uhr-Fahrt mit dem Hägglund angemeldet, einem amphibischen Kettenfahrzeug das mit so ungefähr jedem Gelände fertig wird.

Wir sitzen zu 10 Leuten mit einer Handvoll Kindern im Laderaum und werden über einen Hindernisparcours auf dem Flughafengelände gefahren. Es rappelt und schaukelt und schüttelt und wackelt, zur Begeisterung aller Mitfahrer, aber der bullige kleine Hägglund kommt wirklich überall drüber.

Das war schonmal ein echtes Highlight. Für den Rest von Antarctica kann man sich jetzt etwas Zeit nehmen. Es gibt eine Pinguinfütterung, denn in der Anlagen leben ein paar kleine blaue Pinguine. Wer steht denn da in der Zuschauermenge? Ach, das ist mein Freund Radio Eriwan, das Gesicht kam mir doch gleich bekannt vor. Also im Prinzip leben hier mehrere kleine blaue Pinguine. Die sind im Moment aber in der Mauser und haben deshalb keinen Hunger (vor meinem geistigen Auge taucht ein futtermäkliges Madämchen zur Zeit des Fellwechsels auf), weshalb heute auch nur zwei Pinguine überhaupt mitmachen wollen, und von denen hat auch nur einer wirklich Hunger.

Alle Pinguine, die hier leben, sind Handaufzuchten die in der Arktis nicht überleben könnten. Und die beiden da im Becken haben denn auch entweder beide motorische Schäden, oder das, was man da sieht, ist schlimmer Hospitalismus. Einer kratzt sich fortwährend und scheint nur im Kreis schwimmen zu können, und der andere hängt wie ein Komma im Wasser und muss sich dann überstrecken um Luft zu schnappen. Kein schöner Anblick.

Der Rest ist wirklich interessant gestaltet und gut gemacht. Es gibt eine Sturmkammer, wo die Besucher sich (ausgestattet mit Gummiüberschuhen und warmen Überjacken) einem antarktischen Sturm aussetzen können, der allerdings mit minus 8 Grad und Windgeschwindigkeiten von nur knapp 50 kmh eher zahm daherkommt. Es gibt einen 4D-Film über die Fahrt eines Touristenschiffs in die Antarktis und einen HD-Film über die antarktischen Jahreszeiten. Vor allem der HD-Film ist richtig gut gelungen und kommt auf riesiger Leinwand daher, und erfreulicherweise sind beide Filme völlig ohne belehrenden Kommentar, man darf sich einfach nur von den Bildern beeindrucken lassen.

Es gibt natürlich viel Infos über die Antarktis im Zusammenhang mit Klima, Energieversorgung, Essensversorgung der Forscher, Flora, Fauna, Sternenhimmel, ökologische Bedeutung, Geschichte ihrer Erforschung, alles gut und verdaulich dargestellt. Am Schluss gibts noch eine kurze Doku zu den Transportflugzeugen, die draußen vor der Tür auf dem Rollfeld stehen, und dann steht man auch schon im Giftshop und wird von da ins Café gespült. Was, schon 12 Uhr durch?

Im strömenden Regen shutteln wir zurück zum Canterbury Museum, und ich gehe aus dem Bus heraus sofort ins Museum rein – was soll man sonst machen bei dem Wetter. Das Canterbury Museum ist nicht wirklich eng auf Canterbury bezogen. Etwa im Stile des V&A in London wird Neuseeland im Querschnitt geboten und noch ein paar Sachen dazugewürfelt. Es beginnt mit den Maori,

dann gibt es klitzekleinen Schwenk zu den Dinosauriern,

dann landen wir im Christchurch des 19. Jahrhunderts,

dann gibts plötzlich eine ägyptische Mumie zu sehen, die Julius von Haast dem Museum geschenkt hat, und einen kleinen Schaukasten mit wichtigen ägyptischen Gottheiten,

danach steht der Besucher plötzlich in China,

es gibt ein Halle voll ausgestopfter neuseeländischer Vogelwelt mit einem Hingucker-Deckengemälde,

und noch die verschiedensten anderen Sachen.

Zum Schluss sei aber noch Roald Amundsen erwähnt, der es als erster zum geographischen Südpol schaffte und nur deshalb außerhalb Norwegens nicht als Held gefeiert wurde weil er die richtigen Entscheidungen getroffen hat und deshalb lebend zurückgekommen ist. Im Canterbury Museum steht eine große Bronzebüste von ihm, und seine markante Nase ist glänzend blankpoliert.

Offenbar gilt es als glückbringend für Antarktisfahrer, vor der Reise über Amundsens Bronzenase zu streichen, wer das tut soll gute Chancen haben gleichfalls lebend zurückzukehren. Irgendwo steht was von „Do not touch“, aber was ist schon eine Verwarnung gegen die sichere Rückkehr vom Südpol?

Ein Blick auf die Uhr sagt „Erst 3 Uhr“, und ein Blick aus dem Fenster sagt „Immernoch Regen“.

Ich habe um halb 6 den Massagetermin, habe aber keine Lust bei dem Wetter vorher noch zufuß zurück ins Hotel zu gehen. Ich überbrücke anderthalb Stunden damit, im Visitor Centre auf dem letzten freien Stuhl ein paar Runden Free Cell zu spielen. Gegen viertel vor fünf kann ich draußen vor dem Museum ein Taxi aufgabeln und lasse mich in einen Vorort mit dem schönen Namen Cashmere bringen, wo es eine schöne lange Hot-Stone-Massage gibt, genau das richtige bei diesem Wetter. Der Hausherr, der gerade privaten Besuch verabschiedet, fragt mich hinterher wie ich denn in die Stadt zurückkomme, und als ich was von Bushaltestelle sage fragt er einfach seinen Besuch, der im Aufbruch begriffen ist, ob er mich nicht mitnehmen könnte, und der Besuch sagt höflich ja, kein Problem. Zuvor versichert mit der Hausherr noch vorsorglich dass er die beiden sehr gut persönlich kennt, ein nettes junges Ehepaar, ich dürfe unbesorgt mitfahren.

Die beiden netten jungen Leute bringen mich bis vors Hotel, und während der Fahrt bekomme ich noch Empfehlungen für meinen Aufenthalt in Dunedin nächste Woche. Ich esse schnell im Restaurant gegenüber Gnocchi mit braised beef und einer überraschenden Orangenkomponente, schütte literweise kühlen Saft in den nun doch wieder entzündeten Hals, und nun darf ich schon wieder alles zusammenpacken weil es morgen früh weiter geht, in ein Örtchen namens Oamaru.

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